J.W.v. Goethe

É G A L I T É

Das Größte will man nicht erreichen,
Man beneidet nur seinesgleichen;
Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,
Der jeden für seinesgleichen hält.

J.W.v.Goethe

 

E I N S A M K E I T

Die ihr Felsen und Bäume bewohnet, o heilsame Nymphen,
gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehret.
Schaffet dem Traurigen Muth, dem Zweifelhaften Belehrung
Und dem Liebenden gönnet, dass ihm begegne sein Glück.
Denn euch gaben die Götter, was sie dem Menschen versagten,
Jedem der euch vertraut, hülfreich und tröstend zu seyn.

J.W.v. Goethe

PROMETHEUS

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

J. W. v. Goethe

MAIENLIED

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb‘, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud‘ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Frank Castorf

„Das heutige Theater in Deutschland ist feige geworden,  es herrscht eine Dienstleistungsmentalität, ohne Mut zum Risiko und zur eigenen Meinung. Theater ist eine Anstalt, in der fast nur noch belanglose und dilettantische Stücke gespielt werden. Viele Regisseure bebildern nur noch die Meinung anderer und verstecken sich hinter Zeitungsartikeln. Mich interessieren so anachronistische Dinge wie Geschichte und Literatur, mich interessiert Dostojewski, weil ich da einen bestimmten Zustand der Gesellschaft finde: Ausweglosigkeit,  Armseligkeit und  Zerbrechlichkeit eines Menschen.“

Zum Teil kann man ja den scheidenden Chef der Volksbühne in Berlin verstehen, wenn es auch eine stark vereinfachende und verallgemeinernde These ist. Zu schmählich war die Nichtverlängerung seines Vertrags durch die Stadtoberen. Ich muss  Castorf aber Recht geben – vieles, was sich heute auf deutschen Bühnen abspielt ist aufgeblasen. Auch ich bin kein Freund des „Blut und Schrei“-Theaters. Man suhlt sich oft in platter Selbstverliebtheit und die Stücke werden bis zur Unkenntlichkeit verhunzt, so eine Art billiges Pop-Theater. Die letzte Jelinek Inszenierung in München möchte ich aber davon ausdrücklich ausnehmen – auf die Österreicherin lasse ich nichts kommen. Und Regisseur Nicolas Steemann hat die Sache klasse durchgezogen – große Show! Gut, auch ich habe meine inneren Widersprüche: man muss für die fünf Stunden natürlich Sitzfleisch und eine  Resistenz gegenüber repetitiven Wiederholungen mitbringen.

Lange Rede kurzer Sinn: Frank Castorf wird das Publikum in Berlin zum Abschluss seiner Tätigkeit mit keinem unbedeutenderen Stück, als Goethes „Faust“ beglücken. Wie sagte der Regisseur so schön:  „Ich dachte, bevor alle sagen: Goethe? Kenn ich doch aus dem Film ,Fack ju Göhte‘, möchte ich den Berlinern gerne zeigen, dass das doch ein relativ bedeutender deutscher Dichter und Literat war.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen! Ich hoffe, Herrn Castorf künftig noch bei möglichst vielen freien Arbeiten als Nomade, an deutschen oder internationalen Bühnen, begleiten zu können und wünsche ihm dabei weiter frohes Schaffen und ein glückliches Händchen. Allzu viele seines Kalibers haben wir nämlich nicht mehr!

Der Vollmond naht

 

AN DEN MOND

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud‘ und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd‘ ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

 

Johann Wolfgang von Goethe

J. Wolfgang v. Goethe

 

ATMOSPHÄRE

»Die Welt, sie ist so groß und breit,
Der Himmel auch so hehr und weit;
Ich muß das Alles mit Augen fassen,
Will sich aber nicht recht denken lassen.«

Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden.
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied.

Johann Wolfgang v. Goethe

BEHERZIGUNG

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?

Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle.
Sehe jeder, wie er’s treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!