Kurt Tucholsky

S I L V E S T E R

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel,
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt.
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle ? (Leichter Mosel nur)
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloß Silvester an ?

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Warten auf den Countdown

Tokyo Tower Illumination, Low Angle

In Japan wird bereits um 16.00 unserer Zeit das neue Jahr eingeläutet,
Hier sieht man den Tokio-Tower von unten, festlich illuminiert.
Oben findet man die große Uhr (foto – cat_in_136).

Ich wünsche meinen Lesern morgen ein gutes, neues Jahr, wenn es
denn heute Nacht einigermaßen ruhig bleibt. Mir ist heuer nicht nach
„fröhlichem rutschen“ zumute. Meinen Katzen zuliebe bleibe ich eh
zu Haus. Ausgehen kann ich das ganze Jahr😉

J.W.v. Goethe

PROMETHEUS

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Gefrorene Birken

IMG_4261

So sah das heute Morgen überall aus:  Bäume, Büsche und Wiesen waren mit einer feinen Reifschicht bedeckt – natürlich auch mein Auto, was zu erbaulichem  Armtraining in der Frühe führte. 😉

(foto – Eric de Haan)

Ariwara Narihira

M O N D N A C H T

Bin des Blicks nicht satt.
Allzufrüh zieht es den Mond
dem sicheren Verstecke zu.
Wollte, der Bergrand wiche,
weigerte ihm die Zuflucht.

Mond

Full Moon

Während wir auf den nächsten Vollmond warten, können wir uns an
diesem Bild des Letzten erfreuen, dass mir gerade über den Weg
lief, mit etwas Nebelschleier. Heute sieht man endlich mal Sterne.